Resilienz – Innere Stärke in der Krise

Die vergangenen Monate hielten uns mit dem neuen Coronavirus ziemlich auf Trab – insbesondere Personen mit Atemwegserkrankungen galten als besonders gefährdet und sind in ihrem Alltag dementsprechend stark eingeschränkt worden. Auch für ihre Angehörigen hatte die Situation zahlreiche Konsequenzen. Nicht alle Personen haben die gleiche seelische Widerstandsfähigkeit und können Schicksalsschläge gleich gut verarbeiten. Prof. Dr. Birgit Kleim, Leiterin des Psychologischen Instituts Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, erklärt, was unter dem Begriff «Resilienz» zu verstehen ist.

 

Auch wenn der Himmel noch so bedrohlich erscheint, ist meist doch ein Silberstreifen am Horizont zu erkennen.

 

Mit Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen bezeichnet, die im Kontext von Problemen, Stress oder traumatischen Ereignissen eine psychische Widerstandsfähigkeit haben. «Resiliente Menschen kehren nach einem stressreichen Ereignis relativ schnell zu ihrem ursprünglichen Funktionsniveau zurück», fasst Prof. Dr. Birgit Kleim zusammen.

 

Resilienz-Faktoren

Die Faktoren, die eine gute Resilienz ausmachen, sind ein wichtiges Thema in der Forschung und konnten noch nicht genau identifiziert werden. Folgende Faktoren können einen positiven Einfluss auf die Resilienz haben:

  • soziale Unterstützung
  • die Fähigkeit, negative Dinge in einem anderen Licht zu sehen
  • Optimismus
  • eine gewisse Flexibilität

Individuelle Verarbeitungsweisen

Wie in vielen anderen Situationen und Konstellationen gibt es von Mensch zu Mensch individuelle Unterschiede, wie sie mit Krisen umgehen. Unterschiedliche Faktoren haben einen Einfluss, wobei die soziale Unterstützung von grosser Relevanz ist. Personen, die ein unterstützendes Umfeld haben und auf emotionalen sowie materiellen Support zählen können, haben oft eine bessere Bewältigung. Neben genetischen Faktoren ist aber auch die Art und Weise massgeblich, wie ein Mensch eine Krise interpretiert. In der Corona-Krise erreichen uns täglich neue Nachrichten über die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und die vielfältigen Massnahmen, um die schlimmsten Folgen abzufedern. «Dabei kommt es darauf an, wie diese Informationen und die möglichen Folgen für einen selbst interpretiert werden», sagt Kleim.

Eine Person, die ihre normale Funktionsweise nach einem stressreichen Ereignis rasch zurückerlangt, ist resilient. Man kann sich das so wie ein Stehauf-Männchen vorstellen.

Krise als Chance sehen

Die Resilienz-Forscherin empfiehlt, die aktuelle Krise als Chance zu sehen. Weiterentwicklung passiert ja oft nicht in der regulären Komfortzone, sondern eher unter zumindest etwas extremeren Bedingungen. Die Krise birgt somit auch ein Entwicklungspotenzial für den einzelnen Menschen. Ein möglicher erster Schritt wäre, die Dinge zu erkennen und zu akzeptieren, wie sie sind. «Ich kann mir auch vor Augen führen, wie ich in früheren Situationen agiert habe und mich insbesondere auf die Situationen konzentrieren, in denen ich Selbstwirksamkeit gezeigt habe», so Kleim. Dies helfe beim Lösen konkreter Schwierigkeiten und Probleme.

Strategien entwickeln

Die Forschung hat gezeigt, dass resiliente Menschen unter Stress weniger Stresshormone ausschütten und diese schneller abbauen, als weniger resiliente Menschen. Durch Strategien, mit denen wir Krisen begegnen können, wird Resilienz erlernbar. Die Psychologin gibt den Tipp, im Moment zu bleiben, versuchen, nicht zu katastrophisieren und das Schlimmste zu erwarten. Risiken realistisch und objektiv einzuschätzen und überhaupt einen Plan B zu haben, sowie Unterstützung durch Freunde einzufordern. «Gedanken und Emotionen sollten wir bewusst wahrnehmen und uns auch sagen, dass es sich ‹nur› um einen Gedanken handelt, den ich nicht immer für bare Münze nehmen muss», erklärt die Forscherin. Wichtige Voraussetzungen sind hierfür auch ein gut entwickeltes Selbstvertrauen sowie die Fähigkeit, Gefühle regulieren zu können.

 

Buchempfehlung «Der resiliente Mensch», Piper-Verlag

Raffael Kalisch, einer der führenden Vertreter der neurowissenschaftlichen Resilienz-Forschung, erklärt die Mechanismen, die dafür sorgen, dass die Psyche selbst in Krisenzeiten gesund bleiben kann.

 

 

Zuletzt geändert:
7. Juli 2020